Aus dem Lehrerleben gegriffen……

Im vergangenen Jahr hatte ich die spannende Aufgabe, u.a. einen pädagogischen Tag an einer berufsbildenden Schule, sowie mehrere Workshops in Techniker- und Wirtschaftsklassen zu geben. Was für ein wichtiges Feld im Hinblick auf die Fachkräftesicherung unserer Wirtschaft.

Aber mal von Anfang an:

Es kam die Anfrage, einen pädagogischen Tag (LehrerInnen bilden sich einen Tag lang zu einem bestimmten Thema weiter) zu begleiten. Übergeordnetes Thema war „Vielfalt“. In der Auftragsklärung stellte sich heraus, dass es zunehmend belastender für die Lehrkräfte wird, den gefühlten/tatsächlichen tausend Anforderungen gerecht zu werden.

Man ist ja nicht „nur“ Fachlehrer, sondern zunehmend auch mehr beratend tätig, Verwaltung ist ein großes Thema. Fachausschüsse wollen irgendwie vernünftig organisiert und durchgeführt werden. Schüler kommen mit Anliegen zu beruflichen und persönlichen Themen, Schülerlernverhalten hat sich verändert, die Klassen sind in ihren Leistungen sehr heterogen, Digitalisierung ist derzeit in aller Munde ….

So haben wir uns darauf geeinigt zum Thema „Rollenklarheit“ zu arbeiten. Was beinhaltet meine Rolle? Müssen, können, wollen und dürfen – aber was eigentlich?

Deutlich wurde, dass es keine Stellenbeschreibungen für Lehrer gibt (für mich als Wirtschaftsgewächs eine Info, die mich der Ohnmacht nahe brachte), wohl aber einen hohen Anspruch an die eigene Arbeit. LehrerInnen möchten einen qualitativ hochwertigen Unterricht abhalten, wollen gerne alle Schüler in ihr Potential bringen, arbeiten sich durch das x-te Unterrichtskonzept. Dennoch scheitern sie häufig an den unbefriedigenden Rahmenbedingungen, die Innovation und Lernkultur, wie sie in 2017 angebracht und sinnvoll wäre, gar nicht zulässt.

Wie also umgehen mit einem Arbeitsumfeld, das durch seine Struktur sehr dazu einlädt zu scheitern, seine Kraft zu verlieren und die eigenen Wirksamkeit bzw. Leistungsfähigkeit mehr als in Frage zu stellen? Die Gefahr dabei: wenn das unreflektiert einfach „passiert“ ist die Wahrscheinlichkeit der „inneren Kündigung“ oder des Burnouts sehr hoch.

Wir haben in dem Workshop erarbeitet, wie wichtig es ist, a) die Vielfalt der Rollen (Berater, Kollege, Erzieher, Bewerter, Verwaltungsbeamter waren nur einige – dem aufmerksamen Leser fällt auf: bis hierher kein Lehrer) zunächst zu benennen, dann ganz konkret mit den jeweiligen Inhalten zu füllen und dann b) festzustellen, dass es schon qua Definition gar nicht möglich ist, alle Rollen sauber zu bedienen und c) es eine sehr große Überwindung kostet, Grenzen zu setzen und zu halten, die aber unabdingbar dafür sind, eigene Klarheit zu entwickeln und diese auch immer wieder zu überprüfen/anzupassen.

Wie entwickele ich Klarheit in meiner Rolle? Wo liegen meine Leidenschaften/Kompetenzen? Was mache ich nur, weil kein anderer es machen wollte? Wo kann ich abgeben? Was brauche ich noch um sicherer/kompetenter zu werden? Für welche Bereiche stehe ich ganz klar nicht zur Verfügung?

Diese persönliche Einsicht ist ein Prozess und der braucht Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Was vor zehn Jahren für mich stimmig war, kann heute ganz anders sein. Wo stehe ich heute? Was gebe ich ab, was nehme ich dazu? In einer Kultur, die in erster Linie auf „richtig“ oder „falsch“ ausgelegt ist, gibt es (noch) wenig Bewusstsein für die Möglichkeit des „sowohl als auch“: „ich bin doch nur dann ein „guter“ Lehrer/Kollege, wenn ich alle Anforderungen bedienen kann“. Möglich ist aber auch „ich bin ein guter Lehrer/Kollege, weil ich mich und meine Kompetenzen gut kenne und weiß, wann ich nein sagen muss um langfristig wirksam zu bleiben“.

Wenn ich als Lehrkraft in der Haltung bin, alles was an Anforderungen an mich herangetragen wird schaffen zu müssen, ist das eine weit verbreitete, sehr ungesunde Selbsttäuschung. In keiner anderen Profession werden derart multidisziplinäre Anforderungen durcheinandergeworfen, ohne dass es dafür auch einen entsprechenden Kompetenzaufbau gegeben hätte.

Im Schulalltag fehlt diese Zeit. Ich möchte dafür plädieren, diese Zeiten zu ermöglichen und Räume für Reflektion aufzumachen. Damit Lehrkräfte in ihrem Feld wirksam bleiben können. Das senkt nicht nur Krankenstände, Widerstände und Unzufriedenheiten, sondern schafft Raum für das Wesentliche.

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